Wir sollten endlich aufhören, politisch engagiert auf dem Sofa zu sitzen

Von Sebastian Berg und Ann-Kathrin Koster

Wir möchten euch das neue Stück MARX EINS am Theater Trier ans Herz legen. Das Bürgerstück mit Musik, welches Peer Ripberger in Zusammenarbeit mit Peter Androsch so gelungen inszeniert hat, konnte am 5. März 2016 Uraufführung feiern. Und Grund zum Feiern gab es, nicht nur weil endlich wieder ein dezidiert politisches Stück am Theater in Trier zu sehen ist. Dies liegt neben der großartigen Leistung der Schauspieler auch an der Funktion von MARX EINS, den Auftakt zur neuen Sparte 0.1 zu präsentieren. Diese soll Menschen, professionelle Kulturschaffende und Bürger zusammenbringen und im kulturellen Sinne zum kreativen revolutionären Subjekt werden lassen. Damit steht eine Öffnung des Theaters für die Menschen in positiver Weise einer zunehmenden Kommodifizierung kultureller Elemente entgegen.
Es gelang Ripberger mit seiner Inszenierung, die Aktualität von Marxens Kritik am Kapitalismus und seinen gesellschaftlichen und sozialen Verwerfungen herauszuarbeiten. Durch eine gelungene Verbalcollage aus Originalzitaten und neuen Elementen wird dessen Perspektive in die Gegenwart überführt und anschlussfähig gemacht für eine Scharfstellung aktueller  Probleme und Herausforderungen. Auch wenn es interessant und kurzweilig war, bekannte Versatzstücke aus Marxens Werk im Text wiederzufinden, so muss mensch kein Marx-Exeget sein, um die Botschaft und die inhaltlichen Punkte mitzunehmen. Diese bezogen sich dann auch nicht nur auf die wirtschaftlichen Widersprüche kapitalistischer Ordnung, die ideologische Funktion des neoliberalen Credos und seine zerstörerische Wirkung auf das Soziale und Politische sowie die für eine Demokratie illegitime Ungleichverteilung von Wohlstand und die daraus resultierende Herrschaftsproblematik. Sie verlagert den Blick ebenso auf unsere eigene Rolle in der Konstitution der Verhältnisse.

Die gesellschaftlichen Strukturen und die Rolle der Individuen in der Bildung von Macht und Gegenmacht im (Spät-)Kapitalismus werden durch die rhetorische Einbindung des Publikums ebenso verdeutlicht wie durch die Positionierung der Figuren auf der Bühne. Adressat war dann auch klar das Individuum im Zuschauerplenum sowie außerhalb des Theaterhauses, dessen gesamtgesellschaftliche Verantwortlichkeit herauszustellen versucht wurde, ohne ins Autoritäre zu verfallen. Eine kleine Schwäche bestand dann darin, die Sofa-Frequentierung und Freizeitversessenheit des modernen Individuums in den Fokus zu stellen, obwohl man Raum und Zeit gehabt hätte, mit Bezug auf das Hamsterrad der Selbstdisziplinierung im Anerkennungs- und Leistungswettbewerb andere negative Handlungsweisen ebenfalls zu thematisieren, welche die Gegenmachtbildung und Repolitsierung zunehmend erschweren.

Der Problemaufriss wurde durch eine gut nachvollziehbare Strukturierung deutlich gemacht und das Stück hat mit anderthalb Stunden eine angenehme Länge, um Raum zur Reflexion zu lassen und so die Botschaft zu verinnerlichen. Auch wenn die angebotenen Lösungsvorschläge in ihrem Neuigkeitswert scheinbar wenig revolutionär daherkommen, ist dies in diesem Fall problematisch. Einerseits, da die Intention der geplanten Trilogie im ersten Teil auf der „Frage nach der Aktualität von Karl Marx im digitalen Zeitalter“ lag und die Frage nach potentieller Überwindung ausbeuterischer Abhängigkeitsverhältnisse aufgrund von Arbeitsteilung und gesellschaftlichen Widersprüchen in einem veränderten Kontext neu stellt. Zum anderen sind die Themen des bedingungslosen Grundeinkommens, die Überwindung der Ausbeutungsverhältnisse durch 3D-Drucker oder die Positionierung als Digital Native in der shared economy aktuelle Themen aus der Mitte der Bevölkerung und ihres Diskurses, in welcher sowohl Marx als auch das Stück das revolutionäre Subjekt sehen. Insofern mag dies eine programmatische Schwachstelle sein, allerdings eine legitime.

Dem Stück gelingt es, zum Nachdenken anzuregen und Marxens Intention auch für (Marx- oder Theater-)Laien zugänglich zu machen, ohne sich auf möglicherweise antiquiert klingende sozialistische Kulturelemente beziehen zu müssen. So ist es gerade die republikanisch daherkommende Darstellung des Stückes, welche die Beteiligung des einzelnen Bürgers am Politischen durch die Beteiligung anderer Bürger zu stimulieren versucht und den Fokus weniger auf Verwerfungen der Entpolitisierungen, sondern die Notwendigkeit der Re-Politisierung setzt, welcher Anschluss bietet und so das Stück in doppelter Weise zu einem Bürgerstück werden lässt.

MARX EINS – einmal Utopie denken: Lehnen sie sich NICHT in Ihren Theatersesseln zurück, lassen Sie sich NICHT berieseln. Stehen Sie auf und recken sie die Faust in die Höhe. Denn ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst der kollaborativen Gemeingüter!

 

Alle Zitate sind dem Programmheft des Stückes entnommen, das Beitragsfoto wurde übernommen vom Twitteraccount des Theater Trier (@teatrier).

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